ENGLAND IM ABSEITS?

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ENGLAND IM ABSEITS?
Adobe Stock Photos

England hat das Finale der Fußball-Europameisterschaft dramatisch im Elfmeterschießen verloren. Das ist für Fußballfans zweifellos bitter. Die rassistische Hetze auf die drei Fehlschützen der englischen Nationalmannschaft in den sozialen Medien lässt sich jedoch durch nichts entschuldigen. Sie ist menschenverachtend und uneingeschränkt inakzeptabel. Fans im Wembley-Stadion hatten in Spielen vor dem Finale die Nationalhymne der Gegner ausgepfiffen. Auch das waren ungewöhnlich unsportliche Verhaltensmuster. England bietet viele Chancen, gerade für Filmschaffende. Die VFX-Branche boomt, Studioproduktionen ebenfalls – und Finanzierungselemente für Filmproduktionen sind äußerst attraktiv. Ein zweischneidiges Schwert für Produzent*innen oder kann die Abgrenzungspolitik einfach ignoriert werden?

Seit dem BREXIT fragen sich einige, warum man als Europäer*in aus dem gemeinsamen Projekt EU austreten will, statt es mitzugestalten. Viele politische Grundsatzfragen in der EU sind aber eben auch nicht beantwortet, sodass der Argumentation von Boris Johnson genügend Wähler folgten. Das Vereinigte Königreich tritt in unterschiedlichen Konstellationen auch vielfältig auf. Während sich bei Olympia Großbritannien dem Wettbewerb stellt, war es bei der UEFA-EM England, das im Finale Italien unterlag. Die vielkritisierte Corona-Politik während der UEFA-EM, wird sich wohl trotz hoher Fallzahlen in den nächsten Wochen fortsetzen. Die meisten Einschränkungen sollen noch im Juli fallen. 

Großbritannien, das vereinigte Königreich oder England? Zumindest bei Koproduktionen gilt noch das Koproduktionsabkommen der Europäischen Konvention, dem auch andere nicht-EU-Staaten angehören. Während sich immer mehr operative Fragen in der Zusammenarbeit mit der EU klären, agiert der Premierminister Boris Johnson mit seiner Corona-Strategie nach deutschen Maßstäben ungewöhnlich. Aber auch der BREXIT war schon von vielen unterschiedlichen Ansichten geprägt, insbesondere zu Regulierungsthemen. Auch hierzulande schwindet der breite Konsens zu möglichen Einschränkungen, trotz der stark steigenden Zahlen, weil gerade die Inzidenz aktuell sehr niedrig erscheint. Auf der Insel geht man mit vermeintlichen Risiken zuweilen lockerer um. Gerade für Produzent*innen bietet Großbritannien mehr Möglichkeiten als Deutschland.

Eine Begründung für den BREXIT war die zunehmende Regulierung durch Brüssel. Im Zentrum der EU-Politik steht oftmals der Schutz des Einzelnen. Beim Thema Datenschutz war das für jeden besonders spürbar. Heute haben Unternehmen und Konsument*innen gelernt, strukturiert und pragmatisch damit umzugehen. Auch die Regulierung des grauen Kapitalmarkts basiert auf Vorlagen aus Brüssel. Kapitalanleger sollten vor intransparenten Hochrisiko-Investments ausreichend Schutz bieten. Durch die hohen Anforderungen an die handelnden Parteien erhoffte man sich eine entsprechende Professionalisierung. Zumindest in Kontinentaleuropa, also in der verbleibenden EU, konnte man eine entsprechende Veränderung durchaus beobachten. Allerdings wurde der administrative Aufwand so groß, dass viele Anbieter vom Markt verschwanden. Hochrisiko-Investitionen blieben auch durch neue Richtlinien risikoreich – wie der Name schon sagt. In England existieren bis heute interessante und vielfältige Finanz- und Versicherungsprodukte für Filmproduktionen. 

Die erste Corona-Versicherung, staatliche Investorenpremieren für hochriskante Engagements und eine generell höhere Akzeptanz des „Scheiterns“ bieten mehr Möglichkeiten als die wenigen Alternativen in Deutschland. Risiko-affine Finanzierungsstrukturen für Zwischenfinanzierung, niedrig besicherte Darlehen für die letzte Finanzierungslücke und Eigenkapitalgeber. Sie unterstützen Filmmacher*innen, die diese Mittel teilweise auch über Koproduktionen einbringen können. Durch die starke Achse nach Nordamerika gibt es außerdem weitere Optionen. 

Nach der ersten Irritation vermeintlicher BREXIT-Auswirkungen dürften englische Player auch in Deutschland künftig wieder eine stärkere Rolle spielen. Ähnlich, wie im UEFA-EM-Finale bietet auch Italien interessante Alternativen für deutsche Projekte. Die Produktionsbedingungen dort ähneln den deutschen und die Logistik ist innerhalb der EU deutlich einfacher. Nach wie vor lohnt es sich, alle Varianten zu prüfen, bevor die Produktionskonzeption konkreter wird.