NACHDENKLICHE HEKTIK

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NACHDENKLICHE HEKTIK
NACHDENKLICHE HEKTIK

Die Entschleunigung als Folge der Corona-Krise ist in fast allen Lebensbereichen angekommen. Eine Chance für das Kino, aber auch für unaufgeregtere Berichterstattung. Bereits heute werden Entscheidungen von Politikern retroperspektivisch beurteilt, obwohl das höchstwahrscheinlich viel zu früh ist. Die unterschiedlichen Positionen stimmen jedoch nachdenklich.

Wir schreiben Januar 2020 – die Welt ist hektisch, optimiert, getaktet, grell und laut. Trailer polarisieren, Serienkonzepte sind extrem und langsame Medienformen wie Kino verlieren Aufmerksamkeit. In dieser Zeit ist aber genau das die neue Währung, ausgedrückt in Likes, Followern und Reposts. Auch etablierte News-Outlets lassen sich verleiten, ihre Schlagzeilen am Boulevard-Jargon anzulehnen. Rückblickend erscheint uns das teilweise befremdlich.

In der Taktung des täglichen Meldungstsunamis erhaschen beängstigend formulierte Inhalte Aufmerksamkeit – und nur das zählt. Am Beginn von Corona beherrschte die schnelle Verdopplungszahl die Nachrichten mit beeindruckenden Grafiken und wissenschaftlicher Erklärung. Weil Natur aber in Clustern funktioniert, findet exponentielle Ausbreitung nur eingeschränkt statt. Seriöse Medien (zum Beispiel unser ÖR) haben das erwähnt, aber in Kurznachrichten gehen die Details schnell unter.

Obwohl China und wenig später auch Italien von relativ schlechten Erfolgen durch künstliche Beatmung berichtet hatten (China unter 50% Überlebende, Italien unter 40%) bestimmte das Beschaffungsthema dieser Geräte die Weltbühne. Bereits in dieser Zeit wurde stets die Zahl der insgesamt Infizierten und nie der aktiv Erkrankten mit Symptomen kolportiert, übrigens auch nicht die Zahl der Intensivpatienten. Dabei war ja eigentlich „nur“ das der entscheidende Faktor.

Klingt nicht auch „Maske“ viel stärker als „Mund-Nasen-Schutz“ – und verbraucht viel weniger Zeichen in Zeiten von Twitter & Co? Das mögen sich die Redakteure bei den ersten Berichten gedacht haben. Die Überschriften in fast allen Medien senden nur eine Botschaft: „Klick mich an“. Sendungen wie das „Heute Journal“ sind da fast der Gegenentwurf, konzentriert auf Verbindlichkeit, Zuverlässigkeit und echte Fakten.

Aus Pegida konnte man lernen, dass es schlauer ist, die Stimmen von Bürgern differenzierter zu beobachten und nicht den pauschal zu verurteilen, der nicht im Mainstream denkt. Schon wieder werden Demonstranten als „extrem“ eingeordnet und schubsen den einfachen Bürger in irgendeine Ecke. Muss eine Demokratie Demonstrationen – übrigens von wenigen – nicht einfach aushalten, ohne pauschal zu diffamieren? Bei genehmigten Demonstrationen dürfen in Deutschland Linke, Rechte, „besorgte Bürger“ und sogar Verschwörungstheoretiker demonstrieren. Das macht uns aus.

In der entschleunigten Zeit, die wir alle erleben, wirken auch manche Aufmerksamkeitsheischenden Medien befremdlich. Das Autokino erfährt eine Renaissance und das Kino erhält ebenfalls seine zweite Chance. Fokus auf ein Thema, einen Film, eingebettet in ein soziales Event – gibt es dieser Tage eine schönere Vorstellung?

Die Hektik in der Berichterstattung befeuert vorschnelle Meinungen, harte Extrempositionen und letztlich auch übertriebene Maßnahmen von getriebenen Politikern in beide Richtungen. Die neu erlebte Ruhe hingegen schafft Raum für Kulturerlebnisse à la Kino und Theater.